


Der durchschnittliche Londoner verbringt jeden Tag 80 Minuten in der U-Bahn - das heißt: Er muss 80 Minuten kämpfen. Morgens und am frühen Abend sind die Züge so voll, dass man sich nur noch dann hineinquetschen kann, wenn man andere mit Gewalt weiter nach innen drängt. Umfallen kann zum Glück niemand, es gibt keinen Platz dafür. «Mind the doors» - «Achten Sie auf die Türen» -, sagt der Fahrer noch durch. Dann kann die abenteuerliche Fahrt durch die ältesten U-Bahn-Schächte der Welt beginnen.
Die wichtigste Regel ist, Blickkontakt mit den anderen Fahrgästen unter allen Umständen zu vermeiden. Man steht zwar Bauch an Bauch, sich aber in die Augen zu sehen, wäre eine Verletzung der Intimsphäre. Es ist auch unüblich, sich zu unterhalten. Als Ex-Premierminister Tony Blair einmal aus Werbezwecken mit der U-Bahn fuhr und eine Sitznachbarin ansprach, bekam er trotz mehrfacher Versuche keine Antwort. In der U-Bahn verhält man sich still - in schicksalsergebener Erwartung des nächsten Störfalls. Jeden Tag gibt es etwa 55 davon.
Dabei zeigt sich dann die enorme Selbstbeherrschung der Berufspendler. Wenn der ratternde und wackelnde Zug mit einem Ruck anhält und gleichzeitig das Licht ausfällt - was häufiger vorkommt - hört man niemanden fluchen oder auch nur stöhnen. Keiner rührt sich vom Fleck. Man wartet. Wenn es heiß ist und es sehr lange dauert, werden schon mal einzelne Fahrgäste bewusstlos. Aber im Normalfall geht es nach 10, 15 Minuten weiter. Drei Millionen Menschen befördern die 500 U-Bahn-Züge jeden Werktag, und es werden immer mehr. Mancher Fahrer greift schon mal zu unlauteren Mitteln, um die Massen auf dem Bahnsteig abzuschrecken: «Direkt hinter uns kommt ein völlig leerer Zug - warten Sie besser auf den!», tönt es dann aus den Lautsprechern. Sobald sich die Türen geschlossen haben und der Zug anfährt, fügt der Fahrer nur für die Insassen hinzu: «Nicht zu fassen, dass die mir das abgenommen haben...»
Das 400 Kilometer lange Streckennetz der Londoner «Tube» - der «Röhre», wie man sie nennt - stammt großteils noch aus dem 19. Jahrhundert. Schon 1863 pendelten jeden Tag 30000 Londoner unterirdisch zur Arbeit, nachdem der Herzog von Wellington zuvor vergeblich vor dem Bau der «Underground» gewarnt hatte: So könne die französische Armee eines Tages einen Überraschungsangriff von unten starten, befürchtete er. Heute wäre manch ein Londoner froh, wenn die Franzosen kommen würden. Denn die Pariser Metro kostet weniger als die Hälfte dessen, was man in London zahlt: für eine Kurzstrecke umgerechnet rund 4,50 Euro, für eine Monatskarte im direkten Innenstadtbereich ca. 110 Euro.
Dafür muss man ausgefallene Rolltreppen, stecken gebliebene Aufzüge und rieselnden Rost in Kauf nehmen. Hin und wieder wird auch gestreikt...
«Sie haben uns in der Hand, weil wir auf die U-Bahn angewiesen sind», sagt Samir Satchu, Gründer der Beschwerde-Website «Tubehell». Dass eine Teilprivatisierung, wie die Regierung sie plant, zu der gewünschten Modernisierung führen wird, bezweifeln Viele. Sie verweisen auf das Beispiel der privatisierten Eisenbahn: Da ist die Sicherheit auf der Strecke geblieben. Signalanlagen wurden nicht mehr erneuert, die Zahl der schweren Unfälle häufte sich. Und ein relativ hoher Sicherheitsstandard ist bisher noch einer der wenigen Pluspunkte der Londoner U-Bahn.
So wird es in den Katakomben der Sieben-Millionen-Stadt wohl weiter heißen: «Wir bitten um Entschuldigung», «Wir hoffen auf Ihr Verständnis», «Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen... »
Dennoch unverzichtbar für jeden London-Besucher ist die Visitor Travel Card, die Sie in unserem Ticketshop bereits vor Ihrer Reise nach London bestellen können. So erleben Sie vor Ort keine Überraschung wenn es heißt "Sorry, diese Ticketart ist nur außerhalb von Großbritannien zu erwerben."
Hier nun aber noch ein paar Tipps für´s "professionelle" Tube-fahren:
Ganz wie die Londoner...